05. April 2020

REPORTAGE

Der VOEST-Noricum-Skandal um den illegalen Waffenschmuggel wird im Großen Linzer Schwurgerichtssaal neu aufgerollt

Rätsel um zwölf Tote und 55 verschwundene Millionen


Hier lebt am 4. November unter der Leitung von Landesgerichtspräsident Dr. Hans-Peter KIrchgatterer der Noricum-Prozess noch einmal auf. Teil nehmen die Noricum-Richter Dr. Karl Markovsky und Dr. Heinz-Helmut Hadwiger, Ex-VOEST-Betriebsratschef Franz Ruhaltinger, Noricum-Untersuchungsausschussmitglied NAbg. Dr. Peter Pilz, SOS-Menschenrechte-Vorsitzender Gunter Trübswasser, die Journalisten Richard Schmitt (Krone) und Mag. Dietmar Mascher (OÖN) sowie der Buchautor Dr. Volker Raus. Moderation: Univ. Prof. Dr. Michael John (Uni Linz).

Neben dem Menschenhandel und dem Drogenhandel ist der Waffenhandel das schmutzigste und einträglichste Geschäft der Welt. Und das gefährlichste! Das neutrale Österreich mischte in den 1980er-Jahren in diesem Metier mit. Die VOEST-Tochterfirma Noricum exportierte das als Wunderkanone bezeichnete und in Liezen produzierte Geschütz GHN-45 illegal in die kriegsführenden Staaten Iran und Irak. Insgesamt 340 Stück sollen an die beiden Erzfeinde verkauft worden sein.

Die für den Irak bestimmten Artilleriegeschütze lieferte man getarnt über Jordanien aus, die Kanonen für den Iran fanden über Libyen den Weg zu ihren Abnehmern. Das blutige Geschäft soll bis in die höchsten politischen Kreise abgesegnet gewesen sein, weil es der Sicherung von heimischen Arbeitsplätzen diente.

Hartnäckige Journalisten deckten 1985 den Skandal auf. „Das war nur möglich, weil jemand Interesse daran hatte, dass die Österreicher aus dem Waffengeschäft rausfliegen,” ist Dr. Volker Raus überzeugt. Der 64-jährige Linzer Journalist, Filmemacher und Autor veröffentlichte heuer im Sommer den Krimi „Reichweite”, der auf dem VOEST-Noricum-Skandal basiert.

Tatsächlich umfasste diese Waffen-Affäre alles, was zu einem Krimi gehört: Mord, mysteriöse Todesfälle, Bestechung, Geldwäsche, Gier. Schmiergeld in der Höhe von 55 Millionen Euro blieb bis zum heutigen Tag verschwunden, zwölf Todesopfer blieben auf der Strecke. Der Erfinder der GHN-45, der Kanadier Gerald Bull, wurde vor seiner Wohnung in Brüssel mit fünf Schüssen hingerichtet, den österreichischen Sicherheitsattaché im Libanon, den Kriminalbeamten Gerhard Loitzenbauer, trafen in Beirut tödliche Kugeln, ein „Mitspieler” nahm sich selbst das Leben, neun Männer starben an mysteriösen Herzattacken.

Einer davon war Ex-VOEST-Generaldirektor Heribert Apfalter. Er wurde am 26. August 1987 in einem Haus in Weistrach tot im Bett aufgefunden. Einer der letzten, der mit ihm sprach, war der Linzer Krone-Journalist Richard Schmitt. „Ich habe am 24. August 1987 Herrn Apfalter getroffen, als er nach der Einvernahme durch den Untersuchungsrichter das Linzer Landesgericht verlassen hat,” erinnert sich Schmitt. „Zu Fuß haben wir für die Strecke bis zum Bahnhof zwei Stunden benötigt, in denen wir über die Schmuggelaffäre gesprochen haben. Immer wenn ich einen Notizblock gezückt habe, stoppte Apfalter seine Erzählungen, also musste ich mir seine ganzen Darstellungen merken.”

Nächsten Tag erschien Schmitts Exklusivstory. Die Zeitung war kaum erschienen, läutete das Telefon des Redakteurs. Am Apparat: Heribert Apfalter. „Sie haben mir was angefangen,” sagte er zu Schmitt. „Die Wiener machen mir die Hölle heiß. Ich solle verschwinden, sagen sie.” Tags darauf war Apfalter tot - Herzversagen.

Im von Lügengeschichten gekennzeichneten Noricum-Prozess mit 300.000 Aktenseiten waren 18 Manager der verstaatlichten Industrie angeklagt, sieben wurden verurteilt, Bundeskanzler Fred Sinowatz, Außenminister Leopold Gratz und Innenminister Karl Blecha freigesprochen. Am 4. November um 19 Uhr wird der Prozess im Großen Schwurgerichtssaal des Linzer Landesgerichts unter prominenter Beteiligung noch einmal aufgerollt. Organisiert wird die brisante Veranstaltung von Volker Raus, SOS Mitmensch und der VHS Linz. Der Eintritt ist frei.


„REICHWEITE” heißt der neue Kriminalroman von Dr. Volker Raus (Verlag Bibliothek der Provinz, 261 Seiten, 20.- Euro), in dem Oberst Max Steinberg in einem skrupellosen Netzwerk von Waffenlobbyisten und Wirtschaftsbossen ermittelt. Der Noricum-Skandal lieferte dazu die Vorlage. Das Buch bezieht seine Spannung auch aus den vielen Bezügen zum heutigen Linz und Oberösterreich.
„Hallo” verlost drei dieser äußerst lesenswerten Exemplare, die sich auch vorzüglich als Weihnachtsgeschenk eignen. Schreiben Sie eine E-Mail an „” oder eine Postkarte an „Hallo Oberösterreich”, 4020 Linz, Kremplstraße 5/III. Kennwort: „Reichweite”. Einsendeschluss ist am 20. November.